WIB - Weißenseer Integrationsbetriebe GmbH| Tassostr.17, 13086 Berlin|Tel: 030. 47 99 11 0|Fax: 030. 47 99 11 32|E-Mail: info@wib-verbund.de

30 Jahre bei WIB!

Interview mit Frau Kehr, Bereichsleiterin der WIB-Integrationsberatung

Frage:
Frau Kehr, Sie sind bei WIB schon von Anfang an tätig und zwar seit 30 Jahren! Wenn Sie zurückblicken, wobei können Sie sagen: „Das hatten wir uns vorgenommen und das haben wir auch geschafft“?

Antwort:
WIB hat sich im September 1990 mit der Zielstellung gegründet, die für behinderte Menschen vor der Wende im Stadtbezirk Weißensee vorhandenen Angebote in den Bereichen Arbeit und Beschäftigung, Wohnen und Alltagsbewältigung, Kontakte und Freizeitgestaltung weiterhin aufrecht erhalten zu können und auch weiter zu entwickeln. Es ging WIB darum, diesen ganzheitlichen, man könnte auch sagen, sozialräumlichen Ansatz aufrechtzuerhalten und in neue Strukturen zu überführen.

Dieses Vorhaben ist geglückt, dieser Ansatz ist erhalten geblieben und hat bis heute getragen. WIB bietet Menschen mit psychischen und Abhängigkeitserkrankungen vielfältige Formen von Wohnen, Beschäftigung, Freizeitgestaltung und sozialer Beratung in Pankow an. Wir haben verschiedene Formen von Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen im WIB-Verbund aufgebaut: von Zuverdienst über Werkstatt-Plätze bei WERGO bis hin zu Arbeitsplätzen am allgemeinen Arbeitsmarkt in unserer Inklusionsfirma WIB Integ. Wir haben darüber hinaus vielfältige Beratungs- und Coachingangebote für Menschen mit Behinderungen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen oder Unterstützung beim Erhalt der Arbeitsplätze zu erhalten, auch über die Bezirksgrenzen von Pankow hinaus.

Wichtig war von Anfang an, dass der Mensch das bekommt, was er gerade braucht, den Grad an Unterstützung, den Grad an Schutz, aber auch Freiraum, der es ihm ermöglicht, sich weiter zu entwickeln und den Mut zu fassen, den nächsten Schritt zu gehen.

Deshalb ist WIB so vielfältig geworden, mit diesen verschiedenen Bereichen, die eine Herausforderung für eine Organisation darstellen, gerade in den heutigen Zeiten der Sozialwirtschaft. Aber andererseits gibt es diese Vielzahl an Angeboten und Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen, Beratung, Coaching, Arbeit und Beschäftigung sowie verschiedene Wohnformen zu finden. Das war das Ziel und das wurde geschafft mit all den engagierten Mitarbeiter*innen.

Frage:
Hat sich die Situation auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt hinsichtlich Stigmatisierung und Diskriminierung verändert?

Antwort:
Seit 2013 gibt es das Inklusionsbarometer der Aktion Mensch, ein Instrument zur Messung von Fortschritten bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Seit 2013 verbesserte sich die Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung zunehmend. Das ging natürlich auch einher mit einer sich gut entwickelnden Situation am Arbeitsmarkt an sich. Durch Corona hat diese positive Entwicklung aber einen deutlichen Rückschlag erlitten. Infolge der Corona-Krise liegt die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung laut Inklusionsbarometer auf dem höchsten Stand seit 2016. Im Oktober 2020 waren 13 Prozent mehr Menschen mit Schwerbehinderung arbeitslos als zur selben Zeit im Vorjahr. Und wir wissen, dass Menschen mit Behinderungen zwar nicht so schnell ihren Arbeitsplatz verlieren, aber wenn sie arbeitslos sind, dauert es deutlich länger, bis sie wieder in Arbeit kommen (durchschnittlich 100 Tage länger), als es bei nichtbehinderten Menschen der Fall ist. Das heißt, dass sich die Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderung nach der Pandemie wahrscheinlich sehr viel langsamer erholen wird. Andererseits ist der zunehmende Fachkräftemangel eine Chance, dass auch Menschen mit Behinderungen sich am Arbeitsmarkt beweisen können und Betriebe offener sind, diese Chancen zu eröffnen. Das ist natürlich keine gute Situation, wenn dieser Mangel der alleinige Grund dafür ist.

Frage:
Welche Faktoren werden in Zukunft bei der Integrationsberatung eine wichtige Rolle spielen?Antwort:
Um Inklusion und Teilhabe am Arbeitsleben voranzutreiben wird es weiterhin wichtig sein, Erfolgsgeschichten über Menschen und Firmen zu erzählen, in denen eine gleichberechtigte Zusammenarbeit gelingt. Am eindrucksvollsten ist das, wenn es die Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber selbst tun. Es ist immer noch so, dass rund ein Viertel der beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber überhaupt keine Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Wir werden in der Integrationsberatung weiterhin Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit leisten, z.B. durch Schulungen und Beratung. Wir wollen dafür auch das Angebot der Integrationsfachdienste erweitern und die Arbeitgeberberatung ausbauen. Es hat sich gezeigt, dass es für Arbeitgeber wichtig ist, einen kompetenten Ansprechpartner zu haben, der ihnen für alle Fragen der Beschäftigung behinderter Menschen beratend zur Verfügung steht. Die Berliner Integrationsfachdienste wollen sich deshalb an der Umsetzung des Teilhabestärkungsgesetzes beteiligen: Ab 1.1.22 soll es laut § 185a SGB IX Teilhabestärkungsgesetz einheitliche Ansprechstellen für Arbeitgeber geben. In diese Aufgabe wollen sich die IFD mit ihren Erfahrungen und ihrer Vernetzung einbringen.

Ein weiteres wichtiges Anliegen in unserer Arbeit ist es, Menschen mit Behinderungen darin behilflich zu sein, in einem zergliederten Sozialsystem, insbesondere was berufliche Teilhabeleistungen betrifft, zu den Unterstützungsleistungen zu kommen, die sie für ihre berufliche Teilhabe brauchen, z.B. technische Hilfen, Beratungsleistungen, Arbeitsassistenz etc. Es gibt unglaublich viele gute gesetzliche Regelungen und Paragraphen, aber man muss einen bürokratischen Dschungel durchqueren, bevor man bekommt, was dort steht. Es gibt dadurch ein großes Umsetzungsproblem, was berufliche Teilhabeleistungen betrifft. Dadurch ist es leider immer noch so, dass z.B. Menschen mit psychischen Erkrankungen eher eine Erwerbsminderungsrente bekommen und ausgegliedert werden, als dass sie geeignete berufliche Rehabilitationsleistungen erhalten. Da gibt es noch viel Beratungs- und Unterstützungsbedarf.

Vielen Dank Frau Kehr für das Gespräch